Ein Millionengeschäft mit heißer Luft

New York – Ausgerechnet ein Ex-Yahoo-Manager mit Glatze hat in den USA einen Trend erschaffen: DryBars sind Friseursalons, die weder Haar-Schnitte noch -Färbungen anbieten. Es wird geföhnt, sonst nichts.

Ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag im Drybar-Salon im Süden von Manhattan: Lady Gaga singt gegen das Dröhnen lauter Haartrockner an. Alle zwölf Friseurstühle sind mit Frauen im Alter von Anfang 20 bis Ende 50 besetzt. Sie blättern durch Hochglanzmagazine, spielen mit ihren iPads oder schauen verträumt auf den großen Flachbildfernseher. Auf dem Bildschirm verliebt sich gerade die Prostituierte Vivian Ward alias Julia Roberts in den Millionär Edward Lewis alias Richard Gere. Hören kann man davon zwar nichts. Wegen des Lärms sind die Untertitel eingestellt. Wäre vermutlich gar nicht nötig: Den Schnulzenklassiker "Pretty Woman" hat hier ohnehin jeder schon mehrmals gesehen.

Auf einem der Stühle sitzt Kati. Die 53-Jährige mit den langen blonden Haaren ist Stammgast in Friseursalon der Kette Drybar. Sie kommt mindestens alle zwei Wochen vorbei. Kati ist Produzentin einer Realitysendung beim US-Fernsehsender CBS. Als sie vor 20 Minuten in den Salon getreten ist, wirkte sie gestresst. "Ich arbeite 18-Stundenschichten", sagt sie. Sie hat einen Rollkoffer dabei. Bis eben war sie im Studio, gleich muss sie weiter zum Flughafen auf eine Dienstreise. Ihre regelmäßigen Besuche in der Drybar sind für sie ein Geschenk an sich selbst. "Ich komme hierher, wenn ich das Gefühl habe, eine Belohnung für die harte Arbeit verdient zu haben."

Frauen wie Kati, die sich etwas gönnen wollen, sind das Erfolgsgeheimnis von Drybar. Der Konzern wurde erst im Jahr 2010 mit einem Salon in Los Angeles gegründet. Drei Jahre später hat sich buchstäblich aus einem Haufen heißer Luft ein 40 Millionen-Dollar-Geschäft entwickelt. 32 Läden hatte die Kette USA-weit, bis zum Ende des Jahres sollen es 40 werden.

Das Angebot ist simpel. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Friseursalon kann man sich in einer Drybar weder die Haare schneiden noch färben lassen. Es gibt ausschließlich Föhnfrisuren, sonst nichts.

Kati findet den Service toll. "Es dauert nur 40 Minuten und ich fühle mich wie ein neuer Mensch." Weil die Friseure nichts anderes machen als Haare zu opulenten Frisuren zu föhnen, können sie das besonders gut. "Mit meinen langen Haaren brauche ich nur selten einen Haarschnitt, da finde ich es umso schöner, mir so etwas Gutes zu tun."

Haarstylist Sean Berry ist mittlerweile fertig mit seinem Werk. "Bist du soweit, Darling", flötet er. Kati nickt und Berry dreht den Stuhl um 180 Grad. Anders als in normalen Friseursalons können die Kundinnen die Arbeit der Friseure nicht beobachten. Die Stühle sind um eine Bar in der Mitte des Ladens aufgereiht. Die Spiegel hängen hinter ihnen an den Wänden. "Für die Kundinnen ist das viel entspannter", sagt Berry. Sie können sich auf "Pretty Woman" oder ihre Modezeitschrift konzentrieren anstatt ängstlich das Wirken des Friseurs zu verfolgen.

Erst wenn alles fertig ist, werden die Kundinnen zum Spiegel gedreht – dem "Spiegel der Offenbarung", wie er bei Drybar genannt wird. So bewundert jetzt auch Kati ihren fertigen Schopf. Vor 40 Minuten klebten die Haare noch lustlos hochgesteckt am Kopf. Jetzt fallen sie in einer üppigen Welle auf ihre Schultern. "Du siehst fantastisch aus", sagt Berry. Kati findet das auch und lächelt fröhlich. Sie zahlt 40 Dollar – jede Frisur kostet gleich viel – und rollt ihren Koffer von dannen.

Er habe lange nicht kapiert, warum Frauen für eine Föhnfrisur bezahlen sollten, sagt Michael Landauer. Das ist eine mutige Aussage, schließlich ist der 41-Jährige der Chef von Drybar. "Meine eigene Frisur hat mir bei dem Konzept nicht gerade geholfen." Landauer zeigt grinsend auf seinen Kopf: Er hat eine Glatze. "Wie die Jungfrau zum Kinde irgendwie."

Es war die Liebe zu seiner Schwester Alli Webb, die ihn zu seinem heutigen Job verhalf. Ende der 90er-Jahre war Webb eine gefragte Promi-Friseurin in New York. Zu ihren Stammkunden gehörte unter anderem Paul McCartney. Doch dann verliebte sie sich, heiratete, zog nach Los Angeles und bekam zwei Söhne.

"Nach einigen Jahren als Mutter fiel ihr die Decke auf den Kopf", erzählt Landauer. Sie wollte wieder arbeiten, also schaltete sie eine Anzeige und bot an, Frauen zu Hause die Haare zu föhnen. "Das Geschäft lief enorm gut, aber sie verlor viel zu viel Zeit dabei, von Haustür zu Haustür zu fahren." Deswegen bat sie ihren Bruder, einen ehemaligen Manager bei Yahoo, um einen Kredit.

"Ich hab ihr das Geld gegeben, weil ich ihr helfen wollte", sagt Landauer. Dass er das Geld wiedersehen würde, damit habe er nicht gerechnet. "Das war vermutlich der größte Irrtum meines Lebens."

Bevor Webb den ersten Laden im Brentwood, einem wohlhabenden Stadtteil von Los Angeles, eröffnete, hatte Landauer eine Kalkulation erstellt. 20 bis 30 Kunden waren nötig, um einen Gewinn zu erzielen. Eine einzige E-Mail-Aussendung an potenzielle Kundinnen reichte, und das Telefon stand nicht mehr still. Innerhalb des ersten Tages war der Salon auf sechs Wochen ausgebucht. "Wir hatten seit unserer Gründung keinen einzigen Tag, an dem nur 30 Kundinnen kamen."

Landauer kündigte seinen eigenen Job und stieg Vollzeit als Chef der Firma ein. Seine Schwester kümmert sich als Kreativchefin um das Konzept und die Frisuren. Er ist für das Finanzielle zuständig. Das Unternehmen expandierte schnell. In einer ersten Finanzierungsrunde sammelte Landauer bei Freunden und Familienmitgliedern 2,5 Millionen Dollar ein. Auch einige Stammkundinnen gehören zu den Investoren – so zum Beispiel die Schauspielerin Rose McGowen, die aus der Hexen-Serie "Charmed" bekannt ist.

Im Januar 2011 stieg dann der Finanzinvestor Castanea Partners aus Boston bei Drybar mit 16 Millionen Dollar ein. Mit dem Geld startete das Unternehmen unter anderem auch eine eigene Produktpflegeserie mit Shampoo, Spülungen und Haarschaum. Sie werden in den Drybar-Salons, bei der US-Drogeriemarktkette Sephora und beim Homeshoppingkanal QVC verkauft.

2000 Mitarbeiter zählt Drybar heute. Pro Monat besuchen 100.000 Kunden eine der 32 Filialen in den USA. Die Rendite eines Drybar-Ladenlokals liegt laut Landauer bei 15 bis 35 Prozent. In der Friseurbranche seien sonst rund elf Prozent üblich. Vor einigen Monaten feierte Drybar seine 1.111.111ste Kundin. Als Dankeschön bekam die Dame kostenlose Föhn-Besuche auf Lebenszeit. "Die Frau ist komplett ausgeflippt vor Freude."

Drybar sei so erfolgreich, weil es eine völlig neue Nische im Markt entdeckt habe, glaubt Landauer. Natürlich habe man sich auch vorher schon die Haare in einem Friseursalon föhnen lassen können. "Auf die Idee ist allerdings kaum eine Frau gekommen." Es sei in etwa wie das Geheimnis von Apple-Produkten: Bevor es iPods, iPhones und iPads gab, wusste auch niemand, dass er diese Dinge haben wollte.

Ein gutes Beispiel sei seine Frau, meint Landauer. Früher sei sie nie für eine Föhnfrisur zum Profi gegangen. "Jetzt ist sie der totale Junkie und sitzt mindestens zweimal die Woche in einem unserer Salons."

Viele Prominente kommen zu Drybar, darunter Julia Roberts, Jennifer Garner, Cindy Crawford, Sarah Michelle Gellar und Maria Shriver Schwarzenegger. Zur Zielgruppe gehören jedoch keineswegs nur berufstätige oder besonders ausgefallene Frauen. "Wir haben mindestens ebenso viele Hausfrauen hier." Der Finanzinvestor Castanea Partners hatte in einer Marktanalyse die Kernzielgruppe von Drybar herausfinden wollen. "Das Ergebnis war: Unsere Kunden sind weiblich und haben Haare", lacht Landauer. Bei Alter, Ausbildung und Beruf spreche die Kette tatsächlich alle Frauen an.

Drybar ist so erfolgreich, dass in einigen US-Städten Firmen wie BeStyled oder Haute Air versuchen, das Konzept zu klauen. Auch in Deutschland gibt es bereits Nachahmer: In Berlin eröffnete im Sommer vergangenen Jahres die erste Drybar nach amerikanischem Vorbild am Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg.

Landauer schreckt das nicht. Das Gesamterlebnis eines Drybar-Besuchs sei so ausgeklügelt, dass es schwer zu kopieren sei. Egal, ob man in Boston, San Francisco oder Dallas zu einer Drybar geht, die Erfahrung ist immer die gleiche: Die Marmorbar in der Mitte, weiße Holzvertäfelungen, Kronleuchter, Schnulzenfilme, Mädchen-Musik. Am Anfang des durchorchestrierten Besuchs gibt es ein Glas Sekt, am Ende schaut man in den "Spiegel der Offenbarung". "Kaffee kann man auch überall kaufen. Trotzdem gehen die Leute zu Starbucks."

Hat Drybar das Zeug, zu einer weltweiten Kette wie Starbucks aufzusteigen? "Warum nicht", fragt Landauer. Der Konzern sei gerade auf der Suche nach Franchisepartnern in Europa, Asien und dem Nahen Osten. Details will Landauer allerdings noch nicht verraten. "Letztlich ist für uns jede Region auf der Welt interessant, in der es Frauen mit Haaren gibt."

Tina Kaiser, New York, Die WELT vom 16.11.2013

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